Die Kehrtunnel

                       

Sie sind so berühmt, wie die Bergstrecke über den Gotthard. Dort hatte man beim Bau das grosse Problem, dass der Platz für die vorhandene Streckenlänge nicht vorhanden war. Die erlaubten Steigungen durften nicht noch weiter erhöht werden und auch die Idee mit Aufzügen und Seilbahnen war nicht umsetzbar. In anderen Situationen mit dem gleichen Problem hatte man sich bisher einfach mit Spitzkehren beholfen.

Alternativ wäre eine Linienführung entlang des Hanges gewesen. In dem Fall hätten aber die Orte in der unteren Reussebene nicht bedient werden können. Selbst die Führung der Strecke durch den Kanton Nidwalden musste in Betracht gezogen werden.

Die grosse Stadt Zürich hätte man endgültig von Zugang ab-schneiden müssen. Damit blieben eigentlich nur noch die Spitz-kehren und der Schrägaufzug in der Biascina und das ging nicht.

Die Anzahl der Spitzkehren wäre so gross gewesen, dass sie auch nicht umgesetzt werden konnten. Als jedoch Robert Ger-wigs beim Bau der Schwarzwaldbahn einen Tunnel baute, der für die Strecke mit einem im Berg verlaufenden Kreis arbeitete, war die Lösung für das Problem vorhanden.

Oft wird daher der Kehrtunnel der Schwarzwaldbahn als Prototyp für den Gotthard angesehen. Das mag grundsätzlich stimmen, geht aber zeitlich nicht auf.

Der Kehrtunnel bei der Schwarzwaldbahn kam in Betrieb, als die Pläne am Gotthard nicht abgeschlossen waren.

Da man nun aber mit den Zufahrten eben diesen Robert Gerwigs verpflichtete, kann man annehmen, dass in seine Planung die Erfahrungen bei der Schwarzwaldbahn einflossen und so darf man diesen ersten Kehrtunnel in Europa als Prototyp für den Gotthard ansehen, auch wenn der Zusammenhang nicht vorhanden war.

Es stellt sich nun die Frage, was denn ein Kehrtunnel genau ist. Es handelt sich hier um einen in einer Steigung gebauten Tunnel, der im Berg einen Bogen beschreibt. Das kann nur während einem bestimmen Teil erfolgen, aber auch einen vollen Kreis beschreiben. Wichtig dabei ist, dass Höhe gewonnen werden kann, ohne dass mehr Weg benötigt wird. Die beiden Portale eines solchen Tunnels können nahezu übereinander angeordnet sein.

Dank den im Tunnel liegenden Steigungen gewinnt der Zug so an Höhe, ohne dass er im Gelände eine Distanz zurück-legt und das macht ihn so wichtig für Bergstrecken. Sie können sich das in etwas so vorstellen, wie in der Murmelbahn des Kindes.

Nur, die lustig rollende Kugel beschreibt einen Kreis in der vorgegebenen Bahn. Bei einem Kehrtunnel verzichtet man einfach über die Wellen und eckigen Kurven, die so viel Freude bereiten.

Selbst bei den Modellbahnen sind diese Kehrtunnel sehr wichtig und können dort für den gleichen Zweck genutzt werden.

Da bei den Modellbahnen keine Tunnel aus dem Gelände ausgebrochen werden, nennt man diese auch nicht Kehr-tunnel, sondern Gleiswendel.

In diesen Konstruktionen kann der volle Kreis mehrmals beschrieben werden. Die kleinen Züge der Modellbahn schrauben sich so in die Höhe.

Der Vorteil dieser Gleiswendel liegt an geringen Platz-bedarf und das ist bei der grossen Eisenbahn nicht anders, denn man kann mit Hilfe dieser Tunnel an Höhe gewinnen.

Dies, ohne dass man eine Distanz in der Länge zurück legen muss. Soweit ist zum grundsätzlichen Begriff Kehrtunnel nichts mehr zu sagen. In der Schweiz ist das durchaus auch ausreichend. Jedoch wird allgemein der Aufbau unterschieden und das wollen wir auch machen.

So gibt es Modelle, die den zuvor beschriebenen Kreis beschreiben und nur Tunnel, bei denen die Richtung geändert wird. Diese beschreiben nicht den vollen Kreis und daher dürfen sie nicht so genannt werden. Eigentlich schon, aber das ist nun etwas für Fachleute. Kehrtunnel die als Teil einer Schleife verbaut werden, die nur einen halben Kreis oder weniger beschreiben sind daher keine echten Kehrtunnel, sondern Wendetunnel.

Die Wendetunnel
                       
Ich muss nochmals erwähnen, dass dieser Begriff in der Schweiz nicht verwendet wird. Ich haben den Wendetunnel nur benutzt, damit wir ihn besser von den Modellen mit einem vollen Kreis unterschieden können. Bevor wir uns mit diesen Bauwerken genauer befassen, sollten wir ansehen, ob es von diesen Wendetunnel ein paar Exemplare gibt. Wie so oft hilft hier natürlich eine Tabelle den Überblick in der Liste zu bekommen.
Bahn Strecke Tunnelname Länge
JB Eigergletscher - Jungfraujoch Jungfrau 7 122 m
BLS Blausee-Mitholz – Kandersteg Kehrtunnel 1 655 m
SBB Wassen – Göschenen Leggistein 1 090 m
SBB Gurtnellen – Wassen Wattingen 1 084 m
RhB Bergün – Preda God 487 m
MOB Zweisimmen – Saanenmöser Moosbach 458 m
MC Vernayaz – Salvan Charbons 419 m
RhB Klosters – Cavadürli Klosters 402 m
MTGN Montreux – Glion Valmont 385 m
RhB Klosters – Cavadürli Cavadürli 334 m
MOB Les Avants – Chamby Chamby 314 m
MGB Andermatt – Nätschen Grindt 282 m
RhB Bergün – Preda Platz 262 m
RhB Alp Grüm – Cavaglia Palü 254 m
WAB Lauterbrunnen – Wengen Kehrtunnel 248 m
TPC Leysin Village – Leysin Grand-Hôtel Leysin 233 m
MGB Andermatt – Nätschen Butzen 206 m
FART Creggio (I) – Trantano (I) Pelcetino 196 m
MOB Montreux – Chamby Montreux 184 m
TPC Fontannaz-Seulaz – Gryon Fontannaz-Seulaz 182 m
GGB Zermatt – Riffelalp Landtunnel 179 m
BOB Wilderswil – Breitlauenen Rotenegg 168 m
RhB Cavaglia – Cadera Val Varuna I 149 m
RhB Cadera - Poschiavo Val Varuna II 147 m
MTGN Glion – Jaman Tremblex 144 m
TPC Aigle – Verchiez Grand-Hôtel 119 m
BRB Oberstaffel – Rothorn Kulm Schonegg II 119 m
CEV Vevey – Blonay Gilamont 84 m
MTGN Glion – Jaman Jaman 77 m
                       

Haben Sie gezählt? Es sind 29 Wendetunnel in der Schweiz und bei Bahnen mit Normen nach der Schweiz vorhanden. Diese haben durchaus unterschiedliche Längen und dabei beschreiben alle nur einen Teil eines Kreises und wie viel davon sich nun in einem Tunnel befindet ist nicht mehr so wichtig. Es sind also nur Segmente von Kehrtunnel vorhanden und daher nennt man diese auch segmentierte Kehrtunnel, was auch nicht viel hilft.

Sehen wir uns doch den Kehrtunnel an der Spitze der Tabelle an. Auch wenn wir später noch die voll-ständigen Kreise ansehen, seine Länge erreicht kein Tunnel mehr. Dabei ist auch kein grosser Radius vorhanden.

Der Tunnel Jungfrau mit einer Länge von 7 122 Meter ist nicht nur wegen dem Namen sehr speziell, sondern auch wegen der Tatsache, dass hier nur ein kleiner Teil des Tunnel wirklich in einem Kreis verläuft und das erst noch ein Halbkreis ist.

Bei der Einleitung habe ich Ihnen doch angedeutet, dass die meisten Tunnel über zwei Ausgänge ver-fügen. Mit dem Zimmerbergtunnel haben wir sogar ein Modell das für mehrere Ausgänge geplant wurde.

Jedoch beschleicht uns im Tunnel immer die Angst, dass wir diesen nie mehr verlassen können, weil wir den Ausgang nicht mehr finden. Willkommen im grössten Albtraum Ihres Lebens, denn der Tunnel hat nur ein Portal erhalten.

Die gleichnamige Bahn musste wegen dem Hoch-gebirge in dieses verlegt werden. Auf den Gipfeln war schlicht der Platz für einen oberirdischen Bahnhof nicht mehr vorhanden. Daher musste die Strecke in den Berg verlegt werden. Das führte dazu, dass wir beim Tunnel Jungfrau den längsten Wendetunnel bekommen haben, der je gebaut wurde. Das Ziel Jungfrau wurde hingegen nie erreicht, so endet die Fahrt beim Jungfraujoch.

Der Besuch dieses Wendetunnels lohnt sich sicherlich, denn es gibt in diesem nicht nur das Portal. Bei den beiden Ausweichstellen sind spezielle Fenster vorhanden. Bei denen können Sie aus dem Tunnel die steile Nordwand des Eigers und das Eismeer ansehen. Danach geht es dann mit dem Zug hoch auf das Jungfraujoch und damit zum höchsten Bahnhof in Europa. Wenn das kein Anreiz ist, verstehe ich Sie nicht. Niemand blieb bisher oben.

Sehen wir uns noch zwei Wendetunnel an, denn sie gehören zu einem Teil der Bahnlinie die weltberühmt wurde. Die Tunnel heissen Leggistein und Wat-tingen und ich vermute einmal, das Sie diese nicht benötigt hätten.

Es sind Wendetunnel die keinen vollen Kreis beschreiben, weil in dieser Re-gion selbst die Anzahl der echten Kehrtunnel zu hoch geworden wäre. Daher wurde die Welt im kleinen Bahnhof Wassen auf den Kopf gestellt.

Die von Norden kommende Strecke entschwindet zunächst im Kehrtunnel Wattingen und verlässt diesen kurz um die Reuss zu überqueren.

Danach wird in einem Tunnel der Rohrbach unterfahren und der Bahn-hof von Wassen erreicht. Der Zug in den Süden passiert diesen daher in Richtung Norden und entgegen der Logik.

Der Leggisteintunnel sorgt dann wie-der dafür, dass die ursprüngliche Rich-tung nach Süden eingenommen wird.

Das ganze wird noch von der Dorf-kirche der Gemeinde Wassen gesäumt. Schon haben wir den wohl berühmtesten Streckenabschnitt der Gotthardbahn bekommen und das dank den beiden Wendetunnel Wattingen und Leggistein, die diese Szene erst ermöglichten, denn auch auf der Strecke am Lötschberg gibt es diese Situation. Nur ist sie längst nicht so bekannt, wie jene am Gotthard, die man sogar in Schulbüchern findet.

Bei den Schlaufen der Bergstrecke am Lötschberg konnte die Richtung einmal ohne einen Tunnel geändert werden. Um auch hier wieder in Richtung Süden zu kommen, musste der Kehrtunnel gebaut werden. So einfach kann es sein und wir haben nun wirklich einen Wendetunnel erhalten, der von den Erbauern schlicht nur als Kehrtunnel bezeichnet wurde. Damit stellt sich die Frage, was denn die echten Kehrtunnel unterscheidet.

 Der Spiralkehrtunnel
                       
Komischerweise nennt man die Kehrtunnel mit einem vollen Kreis nicht echter Kehrtunnel, sondern Spiralkehrtunnel. Dieser Name ist passend, denn der Tunnel beschreibt folglich eine Spirale, also ein Kreis der ansteigt. Das erfolgt genau nach den Prinzip der Modellbahner. Auch hier soll uns eine Tabelle dabei helfen diese Modelle zu erkennen. Das auch trotz der Tatsache, dass viele davon so bekannt sind, dass sie in Schulbüchern stehen.
 Bahn  Strecke  Tunnelname Länge 
 SBB  Iselle (I) – Domodossola (I)  Varzo  2 966 m
 SBB  Rodi-Fiesso – Faido  Freggio  1 568 m
 SBB  Rodi-Fiesso - Faido  Prato  1 560 m
 SBB  Lavorgo – Bodio  Travi  1 547 m
 SBB  Lavorgo – Bodio  Pianotondo  1 508 m
 SBB  Gurtnellen – Wassen  Pfaffensprung  1 476 m
 RhB  Filisur – Bergün  Greifenstein  698 m
 RhB  Bergün - Preda  Toua  677 m
 RhB  Bergün - Preda  Rugnux  662 m
 MGB  Grengiols - Fiesch  Grengiols I  592 m
 RhB  Bergün - Preda  Zoundra  535 m
 DFB  Dampfbahn Furka Bergstrecke  Gletsch  548 m
 MGB  Andermatt - Nätschen  Rufenen  300 m
                       

Es sind insgesamt 13 Spiralkehrtunnel in der Schweiz vorhanden. Da sie nach der Länge sortiert wurden, befinden sich jene für die Normalspur an der Spitze. Der Grund dafür ist, dass dort mit grösseren Radien gefahren werden muss, als das bei Bahnen mit Schmalspur der Fall ist. Zudem wird auch hier teilweise ein gerades Stück eingefügt, denn bei diesen Tunnel ergibt sich eigentlich ein Problem, das wir bisher ignorierten.

Wenn wir einen Tunnel in der Spirale bauen und den Radius beibehalten, kämen die beiden Portale genau übereinander zu liegen. Das ist im Gelände nicht möglich, denn dieses ist in wenigen Fällen überhängend.

Daher werden entweder die Radien verändert, oder eine kurze gerade Zufahrt im Berg gebaut und erst dann mit der Spirale begonnen. Beide Lösungen sind möglich und meistens wird der Radius im Tunnel angepasst.

Auch wenn wir eine scheinbar grosse Anzahl haben, die Spiralkehrtunnel findet man nur an wenigen Strecken und auch nur in den Alpen. Von den sechs normalspurigen Modellen sind alleine fünf Stück am Gotthard zu finden.

Der längste von allen befindet sich jedoch an der Strecke durch den Simplontunnel und liegt so geografisch in Italien. Diesen lassen wir weg, denn auch hier haben wir die berühmten Modelle am Gotthard.

Auf der Nordseite gibt es mit dem Pfaffensprung nur ein Spiralkehrtunnel. Der Grund dafür ist, dass hier das Gelände im oberen Bereich und damit im Raum Wassen den Platz für eine Schleife bot.

Man wollte bei der Gotthardbahn auch in diesem Punkt so gut es ging auf lange Tunnel ver-zichten. Gerade in den Kehren war das jedoch nicht möglich. Wegen dem anhaltenden Radius klemmen die Wagen zudem noch, so dass die geringere Neigung nichts bringt.

Spannend sind jedoch die vier Spiralkehrtunnel auf der Südseite. Die zwei oberen sind im Dazio Grande angeordnet worden. Diese enge Schlucht bot der Eisenbahn kaum Platz und so kam es, dass die Kehrtunnel Freggio und Prato als einzige der Gotthardbahn nicht in die gleiche Richtung drehen. Aber dank diesen Bauwerken kann die Schlucht durchquert werden und das war der grosse Vorteil dieser Tunnel bei der Gotthardbahn.

Für den Betrachter ist jedoch die untere Stufe mit den Tunnel Travi und Pianotondo reizvoller. Nicht nur, dass man hier die Züge von der alten Station Giorinco aus beobachten kann, es gibt noch eine Situation, die es so auf der Welt nicht so oft zu sehen gibt.

Das konnte man erst erleben, als die Autobahn mit den gigantischen Brücken gebaut wurde. Diese führte in der Biascina zu dem Effekt, den wir ansehen müssen. Bei der Talfahrt taucht der Zug oben im Bereich der Widerlager auf. Kurz danach entschwindet er im 1 508 Meter langen Kehrtunnel Piano-tondo.

Unsichtbar im Berg unterquert er die Autobahn ein zweites Mal um dann nach dem Kehrtunnel erneut die gleiche Brücke in der gleichen Richtung zu unterqueren. Das ist wirklich eine sehr seltene Kombination. Schliesslich wird mit dem 1 547 Meter langen Travi die alte Station Giornico erreicht.

Wer sich eher der Schmalspur angetan fühlt, dem empfiehlt sich der Glacier Express. Mit diesem kann man mit Ausnahme des Tunnels Gletsch sämtliche schmalspurigen Spiralkehrtunnel befahren. Als es dort den Basistunnel noch nicht gab, waren sogar alle im Laufweg des Zuges enthalten.

Es ist also leicht diese den jeweiligen Strecken zuzuordnen und damit kennen Sie sich nun beim Thema Kehrtunnel sehr gut aus und das kann helfen. Bei der nächsten Bierrunde zum Thema Gotthardbahn können Sie damit Punkten, dass es fünf Spiralkehrtunnel und zwei Wendetunnel seien.

Wenn Sie dann noch die Namen der Reihe nach aufzählen, ist Ihnen die Bewunderung sicher. Damit das auch geht, helfe ich ein wenig. Auf der Nordseite sind es Pfaffensprung, Wattingen und Leggistein. Südlich sind es die Tunnel Freggio und Prato im Dazio Grande, sowie Pianotondo und Travi in der Biascina.   

 

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